Was sind die wesentlichen Kritikpunkte an De-Mail? Manche sind einfach beleidigt, dass sie selbst keine größere Rolle spielen, andere haben irgendwie nicht verstanden, wie De-Mail überhaupt funktioniert (was natürlich nicht davon abhält, dies auf reißerische Art der Welt mitzuteilen). Andere sind da ehrlicher, und argumentieren einfach, dass sie De-Mail nicht brauchen (was natürlich völlig richtig sein mag, aber wohl kaum als objektives Argument durchgeht).
1. Angriff auf E-Mail und Bezahl-Internet. Das würde ich unter der Überschrift "Verschwörungstheorie" fassen, für die ich keinerlei Anhaltspunkte sehe. Schon alleine die Tatsache, dass De-Mail etwas rein Deutsches ist, macht klar, dass sie normale E-Mail nicht vertreiben könnte oder will. Wenn man E-Mail ausstechen wollte, hätte man auch einen vendor-lock-in eingebaut, und nicht De-Mail extra so kompatibel zu normaler Mail designed, dass der Nutzer die selbe Software für beides nutzen kann. Dann hat man in seinem MUA halt zusätzlich zum GMail, GMX und Hotmail Account auch noch einen De-Mail Account. Dass eine kostenpflichtige Dienstleistung in einigen Teilen des Freibier-Netzes auf wenig Gegenliebe stößt, ist schon klar. Aber am Ende ist ein De-Mail Provider lediglich ein Dienstleister, der einen bestimmten Aufwand treiben und diesen re-finanzieren muss, und - nein, wie schrecklich! - vielleicht sogar ein wenig Gewinn machen will. Ein mündiger Bürger schaut sich Preis und Leistung an, und entscheidet dann individuell, was er in welchem Umfang nutzen will, oder auch nicht. Es mag durchaus Leute geben, die bereit sind, ein paar Cent für belegbare Zustellung einer Nachricht mit belegbarem Inhalt zu bezahlen. Das ist eine Dienstleistung, für die man bisher einen Gerichtsvollzieher beauftragen muß!
2. Technische Schwächen und Mängel. Mir sind bisher noch keine aufgefallen, und es hat mir auch noch niemand welche zeigen können. Was natürlich nicht heißt, das es keine gibt. Also, Butter bei die Fische: Wo sind sie denn nun, die technischen Schwächen und Mängel? Die in diesem Punkt geäußerte Kritik betrifft nicht die technische Umsetzung, sondern die Konzeption, die Verschlüsselung serverseitig umzusetzen. Ich habe es bereits im letzten Blog-Post geschrieben: Es wurde viel versucht, End-zu-End Verschlüsselung populär zu machen. Es setzt sich einfach nicht durch. Ich selbst (als langjähriges Mitglied in einem FOSS MUA Entwicklerteam) habe es nicht mal geschafft, in meinem engsten Familien- und Bekanntenkreis End-zu-End Verschlüsselung zu etablieren. Wenn überhaupt, haben wir hier also einen sozialen Mangel vorliegen. Natürlich ist End-zu-End Verschlüsselung zu präferieren und bestmöglich zu unterstützen, aber wenn Leute proklamieren, dass nur End-zu-End Verschlüsselung akzeptabel ist, dann ist das ein wenig so, als kneift ein trotziges Kind ganz fest die Augen zu, stampft mit dem Fuß auf und schreit "Ich will aber!". Überhaupt kann die Kritik an De-Mail ja nur sein, dass End-zu-End Verschlüsselung nicht zwingend vorgeschrieben ist - denn unterstützt wird es ja, es wird in den TRs geradezu gepredigt, und Provider werden gezwungen, Infrastruktur für den Schlüsseltausch anzubieten. Obwohl nicht zwingend (weil bei Zwang De-Mail schon im voraus zum Scheitern verurteilt wäre), ist damit die Situation von End-zu-End Verschlüsselung so gut wie nie zuvor: Man hat Zugriff auf identitätsgeprüfte Schlüssel, wenn jemand einen solchen anbieten will. Das alleine ist schon ein großer Fortschritt. Schonmal einem Laien das Web-of-Trust erklärt, oder den Fingerprint am Telefon vorlesen lassen?
3. Rechtliche Einordnung. Hier wird zumindest anerkannt, dass im rechtlichen Sinne die Zustellung von der effektiven Kenntnisnahme unabhängig ist, und zwar unabhängig vom Kommunikationsmittel, sei es normale Mail, Fax, Nachricht auf dem AB oder sonstiges. Klar kann man kritisieren, dass Fristen unter Umständen den einen oder anderen Tag früher loslaufen können, aber wenn ich bedenke, wie oft ich meine E-Mails checke (auch, wenn ich unterwegs bin), und wie oft meinen Briefkasten leere, dann würde ich sagen, ich habe im Durchschnitt mehr Zeit zum Reagieren. In jedem Fall gilt auch hier wieder: Ein mündiger Bürger sollte durchaus in der Lage sein, abzuschätzen, ob bei ihm die Vorteile oder die Nachteile überwiegen. Der einzige Kritikpunkt, den ich nachvollziehen kann, ist die juristische Regelung der Beweislast. Hierbei sollte es nicht weiter schwierig sein, das Versenden einer Mail zu beweisen (signierte Versandbestätigungen sind ja Teil des Systems), aber wie man als Endnutzer den nicht-Zugang einer Nachricht beweisen will, das ist mir schleierhaft. Leider ist die Situation bei Snail-Mail nicht wirklich besser.
Meine generelle Beobachtung der Berichterstattung und der Kommentare zu De-Mail zeichnen leider ein trauriges Bild. Es mag durchaus Punkte an De-Mail geben, die kritikwürdig sind. Diese gehen aber leider in reißerischer Polemik unter, gerne auch gespickt mit Verschwörungstheorien, glatten Falschaussagen und Lügen, sowie gezielter Irreführung von unbedachten Lesern. Das nutzt am Ende niemandem.
Monday, May 2, 2011
De-Mail in der Kritik
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